Sigmund Freud
German
Sigmund Freuds Abhandlung "Das Unheimliche" untersucht die psychologische Natur dieses spezifischen Gefühls der Beunruhigung, das entsteht, wenn etwas Vertrautes und gleichzeitig Fremdes erscheint. Freud beginnt damit, dass die Ästhetik sich meist mit dem Schönen beschäftigt und die Lehre von den unangenehmen Gefühlen vernachlässigt. Er erkennt die Schwierigkeit an, das Unheimliche zu definieren, da die Empfindlichkeit dafür von Mensch zu Mensch stark variiert. Freud schlägt zwei Wege zur Erforschung des Unheimlichen vor: die Analyse der Sprache und die Sammlung von Erlebnissen, die dieses Gefühl hervorrufen. Er kommt zu dem Schluss, dass das Unheimliche etwas ist, das dem "Heimlichen" (Vertrauten, Bekannten) entgegengesetzt ist und durch Verdrängung aus dem Unbewussten wiederkehrt. Es ist nicht einfach das "Neue" oder "Fremde", sondern das "Nicht-Vertraute", das heimlich war und nun hervorgetreten ist. Er untersucht die sprachlichen Wurzeln des Wortes "unheimlich" im Deutschen und stellt fest, dass es sich vom "heimlich" ableitet, das sowohl "vertraut" als auch "verborgen" bedeuten kann. Das "Unheimliche" ist die Umkehrung der Bedeutung von "vertraut". Er analysiert auch Wörter in anderen Sprachen, die ähnliche Nuancen aufweisen. Ein zentraler Teil der Abhandlung widmet sich literarischen Beispielen, insbesondere E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann". Freud argumentiert, dass die unheimliche Wirkung des "Sandmanns" nicht primär von der lebensecht wirkenden Puppe Olimpia ausgeht, sondern vom Motiv des "Sandmanns", der den Kindern die Augen ausreißt. Diese Angst führt er auf eine kindliche Kastrationsangst zurück, wobei der Verlust der Augen als Ersatz für den Verlust des männlichen Gliedes dient. Er analysiert auch das Motiv des Doppelgängers, die Wiederkehr des Gleichen und die Angst vor dem Tod als Quellen des Unheimlichen. Diese Phänomene werden mit archaischen Weltanschauungen wie dem Animismus in Verbindung gebracht, wo Gedanken eine magische Kraft besitzen. Freud unterscheidet zwischen dem "Unheimlichen des Erlebens" und dem "Unheimlichen der Dichtung". Während das Erleben durch die Wiederkehr von verdrängten infantilen Komplexen oder die scheinbare Bestätigung überwundener primitiver Überzeugungen unheimlich wird, kann die Dichtung durch ihre eigene Regelwelt das Unheimliche auf neue Weise gestalten oder sogar vermeiden. Er schlussfolgert, dass das Unheimliche letztlich auf das vertraut Gewesene zurückgeht, das durch Verdrängung entfremdet wurde und nun in einer beunruhigenden Weise wiederkehrt.